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28.04.10

Urinalarm! The Ordnungsamt strikes back

Ein kleines Lustspiel in 3 Akten zur Braunschweiger Stadtpolitik


Erster Akt: Blog


Hot PissIm Jahre 2008 muss es gewesen sein, das öffentliche Urinal am Botanischen Garten war bereits abgerissen, ähnliche Pläne zeichneten sich ab am Pissoir am Theaterwall. Es war nicht zu erwarten, dass diesem Gebäude mehr Ehrerbietung entgegengebracht würde als dem Achteck in der Humboldtstraße. Das Kellerklosett auf dem Kohlmarkt war längst einem verglasten Kiosk-Klo-Konvolut gewichen, wirkt eher gelandet als gebaut im Vergleich zum historischen Rundum des Erlebnismittelpunkts der Stadt, und ist natürlich kostenpflichtig. Das folgte dem Trend in Braunschweig, öffentliche Einrichtungen zu plätten, zu privatisieren oder ersatzlos zu streichen.
Irgendwann muss man anfangen, ironisch zu werden, muss sich Georg Krüger gedacht haben, und als ausgebildeter Architekt mit Stadtplaner-Hintergrund war das einer von vielen guten Gründen. Auf Kompentenzmonopol lässt er sich aus und sammelt die Hauptstätten unkontrollierten Urinierens. Die Beobachtungen kann jeder Szenegänger bestätigen, die satirische Überhöhung lässt ein breites Grinsen zu.

2. Akt: Macht

Bereits zum Beginn des Jahres 2007 hat es der Oberbürgermeister geschafft, dem Satiriker El Kurdi ein stadtweites Berufsverbot zu erteilen. Dieser hatte offenbar zu grossen Spass damit, den Oberbürgermeister Dr. Gert Hoffmann als kleinbürgerlichen Extrem-Privatisierer mit NPD-Vergangenheit zu entlarven. Die Methode für den Gegenschlag des Stadtoberhaupts: sanfte Repression. Stadtangestellte dürfen per Dekret nicht mehr in offizieller Funktion auftreten, wenn an der Veranstaltung die Unperson ebenfalls teilnimmt. Was machen die "unabhängigen" Veranstalter? Sie laden lieber Hartmut el Kurdi aus, als dass sie es sich mit der Stadtregierung verscherzen. Auch ein lokales Szene-Anzeigenblättchen macht sich (berechtigte) Sorgen um ausbleibende Anzeigenkunden, und verzichtet eher auf den Kolumnisten, der diese Zeitschrift erst lesenswert machte. Lesungen, Zeit-Artikel, ein Auftritt bei Extra-3, Solidaritäts-T-Shirts ("Ich halt zu Hartmut") halfen nichts. Der Schriftsteller siedelt um nach Hannover. Also scheint die Methode zu funktionieren! Dann entdeckt irgendwer im Rathaus das Internet, und anscheinend kann dort jeder seine eigene Meinung kundtun, ohne sie vorher mit dem Stadtmarketing abzusprechen, also generell an der Befehlskette vorbei. Da rufen Leute zum unangemeldeten Frühstück vor dem Einkaufszentrum Schlossarkaden auf! Oder zum Eine-Minute-Stehenbleiben am 1. April! Ohne vorherige Genehmigung, Anmeldung, Eintragung und Verantwortungsübernahme! Das sind Dinge, die nicht hingenommen werden können!

Welches Geschütz also auffahren gegen diese Unordnung? Na, das Ordnungsamt! Dieses schickt seine Außendienstmitarbeiter hinaus und beginnt, Leute einzuschüchtern. Das geht allerdings ein bisschen nach hinten los, so dass Spiegel und taz über Braunschweig berichten - und dem Flashmob-Frühstück zu ungewollter Popularität verhelfen. Kein Grund, die Methode in Frage zu stellen.

3. Akt: Image

Kohlmarkt ToiletteErklärtes Ziel von OB Dr. Gert Hoffmann: Sauberkeit. Sauberkeit und Ordnung. Eines seiner ersten Wahlkampfthemen, das auch Realität wurde, war die Ausradierung von Graffiti. Die Entfernung gesprühter Schnellkunst auf privatem und öffentlichen Eigentum war ganz oben auf der Prioritätenliste. Dann jährliches Müllsammeln mit Freiwilligen nebst anschliessendem Bockwurst-Verzehr - das war doch was! Da konnte auf Brut- und Nistzeiten einheimischer Tierarten auch keine Rücksicht genommen werden. In Braunschweig wurden auch die ersten Hartz-IV-Empfänger zu Arbeitsdiensten gedrängt. Natürlich auch zur Straßenreinigung. Ordnung ist das oberste Prinzip.

Inzwischen ist es 2010. Nachdem kreativer Wildwuchs von den Wänden, die Feststoffentropie von den Straßen gebannt wurde, was blieb da noch? – Richtig! die ungeregelte Flüssigverklappung. Das Ordnungsamt wird ausgesandt, sowohl auf den Straßen als auch im Internet für die Einhaltung der Vorschriften zu sorgen. Dabei wird der Blogeintrag von 2008 gefunden: "TOP 5 Pissecken in Braunschweig", so offensichtlich satirisch, dass, wer die Ironie nicht erkennt, wohl gar nicht lesen kann. Egal: Dem Autoren wird mit Strafanzeige gedroht, sollte der Artikel nicht schnellstmöglich aus dem Netz getilgt werden. Wie die Internet-Community darauf reagiert, ist noch nicht abzusehen.

Nebenher läuft auch schon die Sonderschicht für die Außendienstmitarbeiter, sie stellen die Täter mit dem Lümmel in der Hand und fordern Ordnungsgeld. Die Braunschweiger Zeitung begleitet gerne die Kampagne, endlich wieder was zu berichten in der Stadt, befragt die eine oder andere Person, was ein uneinheitliches Stimmungsbild ergibt: der eine sagt "früher war alles besser", der andere kann kein Massenphänomen entdecken. Darum also der Telefon-Joker: "Soll das Ordnungsamt gegen Wildpinkler härter durchgreifen?" Der Anruf kostet 0,49 € aus dem deutschen Festnetz. Wer ruft da wohl an?

Epilog

Doch es gibt auch noch andere Parteien als die der regierenden Schwarz-Gelb-Koalition mit dem parteilosen Oberbürgermeister Dr. Gert Hoffmann. Wie die P.A.R.T.E.I. und ihr Ortsverband Braunschweig, die in einer Presseerklärung ein noch konsequenteres Durchgreifen fordert. Komplettes Verbot des Wasserlassens in der Innenstadt oder Errichtung einer umfassenden Pinkelmauer mit angemessenem Ablauf.

Posted by younghart at 28.04.10 21:11

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