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20.10.04

Entrez Bookshelf

Neulich habe ich, wie es sich für den braven Molekularbiologen gehört, bei Entrez nach neuem Material aus der Kaffeeforschung gesucht. Lustigerweise kam dann gleich ein Eintrag in der Sparte "Books" vor. Bücher?

Jawoll. Nicht nur hat die wissenschaftliche Open-Source-Bewegung nach jahrelangem Ringen die Zeitschriften dazu geprügelt, dass alle Papers nach einem halben Jahr öffentlich zugänglich sein müssen - auch Buchprovider sehen das langsam ein.
Im Bookshelf finden sich inzwischen eine Menge der essentiellen Lehrbücher der MolBio-Branche, zusätzlich zu auf bestimmte Themen zugeschnittenen Sammel-Reviews. Um über Studierende weiterhin an satte Kohle zu kommen, sind diese nicht Seite für Seite lesbar, sondern liefern nur Abschnitte bei entsprechender Suche - aber alle Seiten und Abbildungen sind enthalten.

Die wissenschaftlichen Zeitschrifen haben von einem faszinierenden Nebeneffekt der Wissenschaft im Kapitalismus überlebt: Forschende haben ihre eigene Währung. Diese ist das wissenschaftliche Ansehen. Beliebte Maßeinheit ist der SCI (Science Citation Index) - wie oft wird die eigene Arbeit in anderen Publikationen zitiert? Das eigene Forschungsergebnis ist der Anteilsschein am Unternehmen Forschung. Der Wert steigert sich erst dadurch, dass jemand anders nicht umhin kommt, aus diesen Ergebnissen zu zitieren. Höhere Marktanteile können bessere Chancen auf Professorentitel bedeuten, in die Entscheidung über die Vergabe von Forschungsgeldern mitentscheiden, Diplomand- und DoktorandInnen anlocken etc. Der SCI ist das Produktionsmittel der "freien Forschung". Für Zitierungen gibt es dementsprechend dutzende geschriebene wie ungeschriebene Regeln: Wer zitiert wen, wie oft, wie viele AutorInnen kommen auf den Titel der Veröffentlichung und in welcher Reihenfolge...

Wie wird man zitiert? Da kommen die Journals ins Spiel. Sie haben die Distributionssphäre in der Hand. Will EineR in aller Mund sein, muss veröffentlicht werden. Und deshalb zahlt kaum eine Zeitschrift den Autoren nur einen cent. Es sind Redaktionen, die sich um kostenlose Beiträge keine Sorgen machen müssen. Das Argument, sie bräuchten die AutorInnen genau so zum Überleben, scheint nicht an die Oberfläche zu kommen, ausser in dem Fall, dass eine Zeitschrift eingeht. Die Nachfrage ist bei den Journals der entscheidende Punkt: hat eine Zeitschrift regelmäßig bahnbrechende Ergebnisse, muss sie von jeder Universitäts- oder Firmenbibliothek vorhanden und archiviert sein. Sie brauchen den Stoff - und nur den guten - damit sie sich einzuordnen wissen in der wissenschaftlichen Welt.

Wie stellt eine Zeitschrift sicher, dass sie nur das gute Zeug abkriegt? Durch ein Reviewer-System. Jede Veröffentlichung wird von KollegInnen oder KontrahentInnen durchleuchtet, bevor sie abgedruckt wird, und auch diese arbeiten unentgeltlich. Sie stehen in der Zeitschrift mit ihrem Namen, ein weiterer Pluspunkt auf der Skala der wissenschaftlichen Reputation. Ausserdem nicht selten eine gelungene Gelegenheit, RivalInnen auszubremsen...
Das einzige, worum sich Journals sorgen machen müssen, und das ganz immens, ist ihre Abnehmerschaft. Deswegen hat sie sich den Bestrebungen, Publikationen in kürzester Zeit online verfügbar zu machen, heftig widersetzt. Archive werden entbehrlich, sobald alle Daten online verfügbar sind. Ein halbes Jahr ist keine Ewigkeit, die wenigen, die in dem jeweiligen Thema zu einem Zeitpunkt arbeiten, sind schnell über Email, Fax, Telefon informiert. Die Margen sind gering in der wissenschaftlichen Periodika-Abteilung.

Das Verhältnis WissenschaftlerInnen-PublizistInnen ist ein sehr Seltsames, wird doch in diesem Bereich zweimal die Währung gewechselt. Die Docs, Postdocs und Profs brauchen Kohle für mehr Forschung, ihr Produkt, dass sie dafür auf den Markt bringen müssen, sind wissenschaftliche Ergebnisse, die sich im Zeitschriftenmarkt miteinander messen. Diese Zeitschriften wiederum sind das komplexe System, mit dem ideele Produkte börsenartig an Wert gewinnen, verlieren etc. Je mehr Handel an der eigenen Börse läuft, desto eher überlebt auch die Zeitschrift. Denn diese wiederum braucht AbnehmerInnen, und von diesen - bekommt sie Geld.

Wen so etwas interessiert, empfehle ich das "Portrait eines Biologen als wilder Kapitalist" von Bruno Latour, zu finden im Essayband "Der Berliner Schlüssel".

Posted by younghart at 20.10.04 15:29

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